Kreativität kennt keine Grenzen...  
 

„Sprechen Sie Andi?“
Heute: Sprachorigami zwei - sich hinfort setzende Falten

Es wurde von einigen Lesern der Wunsch nach einer Fortsetzung von Sprachorigami (über falten/Falten) geäußert. Am Anfang dachte ich ja: „Eine Fortsetzung? Kannste knicken!“ Und genau das war dann auch ausschlaggebend, dass ich es eben nicht wie ein Faltblatt in die dafür vorgesehene runde Ablage verfrachtet habe, sondern mich der kniffligen Aufgabe gestellt habe. Denn, wenn es um Sprachbetrachtung geht, kenne ich doch den einen oder anderen Kniff, da kneife ich dann lieber nicht.

Ich beiße ins saure Obst, das der Zitronenfalter für mich liebevoll arrangiert hat, und denke nur „Sauer macht lustig!“. Südfrüchte mit der besonderen Falz, da steh' ich voll drauf. Ich denke über das Leben nach und stelle fest, in den letzten Monaten bin ich zum Lebensfalter mutiert. Ich definiere mich neu. Statt Anti-Falten-Creme nehme ich Entfaltungscreme, gehe daheim an meine FaltBar und erkenne, dass sich aus so einem recht zusammengeknüllten Leben mit geknickter Wirbelsäule doch noch einiges begradigen lässt.

Der Blick in den inneren Spiegel zeigt entgegen des Blicks in den an der Wand hängenden eben keine Falten-Fakten sondern ein Faltboot auf einem glatten Meeresspiegel. Ich bemerke, dass ich mich nicht für andere falten oder verbiegen muss. Ich darf bestehend stehen. Ich brauche kein Klapp- oder Faltrad um meine Ziele zu erreichen. Vielmehr kann ich wie ein in meinen Kindertagen gestaltetes Papierflugzeug völlig losgelöst dahingleiten und meinen Bestimmungsort wie von unsichtbarer Hand gelenkt erreichen.

Nun ist das natürlich so eine Sache mit einmal gefaltetem Papier. Die Falze bleiben die kleinen und größeren Macken in unserem Leben. Selbst entfaltet sind sie immer erkennbar. Das Leben hat seine Spuren auf unserem Lebensblatt hinterlassen. Sie bleiben. Nur unter sehr viel Schmerzen könnten sie, wenn wir es zulassen würden, von jemandem platt gebügelt werden, könnten wir tatsächlich einiges ausmerzen. Wir könnten auch ein neues Blatt nehmen und das alte einfach überkleben. Jedoch würden die alten Spuren für uns immer spürbar bleiben.

Also entscheide ich mich, zu meinen Charakterrunzeln zu stehen. Nicht gebeugt vor den Meinungen und Ansichten der anderen, aber in der mir eigenen Form mit Kanten und Ecken, den Lebensfalten, setze ich mein Leben fort, so wie ich auch diesen Text fortgesetzt habe.

In diesem Sinne wünsche ich eine nachdenkliche Nacht.


Andi Herrmann / 31. März 2014