Kreativität kennt keine Grenzen...  
 

Hausmannskost

Morgens um acht in Deutschland. Ich habe bereits die fünfte Tasse Kaffee intus und bin jetzt innerlich irgendwie unruhig. Und ich hab noch so viel zu tun.

Zunächst müssen ja die Betten gemacht werden. Eine anspruchsvolle Aufgabe, denn jeder in der Familie ist ja nicht in der Lage, seine Kreativität voll zu entfalten. Das obliegt mir; denn ich bin ja Hausmann. Jedes Bedürfnis muss berücksichtigt werden. Jede Nuance ist entscheidend dafür, dass alle zufrieden sind. Aber ich bin Profi. Wenn ich durch bin, muss ich natürlich einen Kaffee trinken, und mich im virtuellen Raum mit meinen Artgenossen austauschen. Nichts ist wohltuender, als die tägliche  Schmach mit anderen zu teilen. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Leidensgefährten es gibt, denen es sogar noch viel schlechter als mir geht.

Ist die Pause gut durchlebt worden, gilt es, das Frühstückschaos zu beseitigen. Insbesondere die kleinen Haustyrannen verstehen ihr Handwerk hervorragend. Da wird das liebevoll zuvor zubereitete Müsli seziert und fein säuberlich in Einzelkomponenten bestehend aus Haselnüssen, Haferflocken und Rosinen auf dem Boden verteilt. Das Ganze wird dann noch je nach Jahreszeit wahlweise mit Apfelsaft oder Kakao garniert. Hinzu gesellen sich dann die Brötchen- und Croissantkrümel gespickt mit Butter-, Marmeladen-, oder Haselnusscremeanteilen. Wer also meint, dass das eine monotone Beschäftigung ist, dem sei hier versichert, dass selbst diese Aufgabe aufgrund der doch sehr abwechslungsreichen und gefühlvoll gestalteten Bodendekoration sich jedes mal anders gestaltet und für ein kurzweiliges Betätigungsfeld sorgt. Ausgewogene Mahlzeiten ergeben ausgewogene Folgehandlungen. Anschließend muss natürlich das soeben Erlebte sogleich brühwarm online auf eine der vielen sozialen Netzwerke serviert werden, damit auch die Welt Anteil haben darf.

Sind die sensationellen Neuigkeiten publik, kann ich mich dann an die Reorganisation der im Bad veranstalteten Verunstaltungen machen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Haare sich jeden Tag sowohl in den Ausgüssen als auch auf den weißen Fliesen tummeln. Kurzzeitig hatte ich darüber nachgedacht, diese zu sammeln und diese zum Feierabend strickenderweise in Schals, Pullis oder Socken zu verwandeln. Ich musste jedoch feststellen, dass es im Handel keine Stricknadeln in der benötigten Größe gibt, so dass ich dieses Vorhaben lediglich beim Patentamt angemeldet habe. Die Anmeldeprozedur dauert jedoch noch an. Ich hoffe, mir ist nicht jemand zuvorgekommen. Einstweilen wird also die Haarpracht täglich zu den Müllbergen der Stadt hinzugefügt, wobei die Müllabfuhr dies gesammelt jeweils montags erledigt.

Während sich die weiblichen Haushaltsmitglieder darüber beschweren, dass sich Haargummis, Haarreife, Ringe und Halsketten immer in Luft auflösen, muss ich feststellen, dass sich gerade diese Utensilien des Körperschmucks grundsätzlich in Scharen im Badezimmer tummeln. Gerne verstecken sich diese kleinen Hausgenossen in den Handtüchern, die mangels Hinweis auf ihre Hängefähigkeit, sorgsam auf dem Boden diametral zum Fliesenmuster verlegt werden. Eine kleine Herausforderung stellt sich im Zuordnen von Zahnpastadeckeln zur jeweiligen Tube. Auch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es natürlich auch diverse Cremes in zu verschraubenden Gefäßen gibt, was den Unterhaltungswert ungemein erhöht. 

Puh, das war aufwendig und eine Kaffeepause im Netz der Sensationen stellt die nötige Vitalität her, um den Endspurt hinzulegen. 

Der Endspurt ist jeden Tag anders. Heute dürfen sich die im Gesamtwohnraum versammelten Hosen, Hemden, Socken, Blusen, Sortimente der Herren- und Damenunterbekleidung, Pullover, T-Shirts, Tops und vieles, dessen Namen ich nicht mal ansatzweise weiß in ihre Waschverträglichkeit unterteilt werden. Nach Bildung von Interessengemeinschaften werden diese ganz nach Bedarf durch das Bullauge in die Trommel gejagt, um dort zubereitet zu werden. Die dadurch entstehenden Zeitlücken werden selbstverständlich genutzt, den virtuellen Freundeskreis auf dem Laufenden zu halten, das bereits gereinigte als Henker erbarmungslos auf die dafür vorgesehene Hängvorrichtung zu verfrachten und den Koffeinspiegel noch etwas zu heben.

Dann ist endlich Ruhe. Ein kleiner Moment des Entspannens keimt auf, doch was ist das?  Sie kommen. Meine Mitbewohner treffen ein. Der Quell der täglichen Alltagsfreude.

Meine Hausmannskost.


Text: Andi Herrmann / 14. November 2013