Kreativität kennt keine Grenzen...  
 

Die Rose

Kälte zog durchs Land. Auf einem kleinen dunklen eingeschneiten Weg steht eine leere Bank. Ein Straßenlaterne beleuchtet die Szenerie. Einsam läuft er den Weg entlang. Seine Schritte sind müde und schwer. Er trottet der Kälte zum Trutz fest eingemummelt durch den Schnee und hinterlässt tiefe Stapfen im Weiß. Gedankenverloren betrachtet er die Bank. Im Sommer saß er hier oft und sinnierte über das Leben. Leicht erhellt sich sein Blick und Gedanken des Sommers scheinen ein Leuchten in seine Augen zu zaubern. Der Schritt wird leichter und auf sinnierende Weise leichtsinnig schaut er nicht mehr zu Boden sondern starrt durch die Schneeflocken in den Himmel. Die Nase zum schwarzen mit weißen Punkten versehenen Zenit gerichtet bemerkt er die auf dem Boden liegende Rose nicht und geht so am Leben dieser wundervollen Blume vorbei. Die Rose, von der Kälte bereits eingefroren, ist halb mit Schnee bedeckt. Ihre Schönheit kann man nur noch erahnen. Der Herr indes verfällt wieder in seinen Trott. Seine Gedanken gehören wieder der Kälte und dem Weg.

Kurz darauf kommt eine Dame desselben Wegs. Auch sie ist fest eingepackt. Ein Lächeln umspielt ihren Mund, als sie die erleuchtete Bank sieht. Ihr Blick fällt auf die Rose und bekümmert hebt sie sie auf. Behutsam, wie es ihre Art ist nimmt sie die Rose an ihr Herz und gibt so der bisher unbeachteten einst verworfenen Pflanze die volle Aufmerksamkeit. Ein Blatt fällt zu Boden und legt sich in den Schnee. Die Dame nimmt die Rose an ihr Herz und schenkt ihr so die Wärme, die das die Rose umgebende Eis zum Schmelzen bringt. Sie trägt sie nach Hause und stellt sie in eine Vase und platziert sie auf ihren Nachttisch. Die Rose belohnt die Dame mit einem strahlenden Rot, mit der Schönheit, die nur eine Blume innehat. Beider Seelen erwärmen sich und für einige Zeit haben sie das Glück dieser Erde vereint.

Derweil tritt der Herr seinen Rückweg an und verweilt abermals an der erleuchteten Bank. Er hält inne und befreit diese vom Schnee und setzt sich und sinniert weiter vor sich hin. Der Schnee hat aufgehört, sich aus den Wolken zu ergehen, und so weist der Himmel ein Loch auf, das den Blick auf ein paar Sterne freigibt. Er besieht die funkelnden Sterne und erkennt für einen Moment, dass das Glück der Sterne so weit weg ist. Er wird es in der weiten unerreichbaren Ferne nie erlangen können. Sein Blick fällt auf den Boden. Dort erblickt er die Silhouette der Rose und das grüne Blatt. Er nimmt das einsame Blatt und fragt sich, welches Glück er wohl verpasst hat. Welche Geschichte von ihm unbeachtet vorüberging. Er nimmt das Blatt und betrachtet es im Licht der Laterne.“Grün“ denkt er, „ist die Farbe der Hoffnung.“ Vorsichtig legt er das Blatt in sein kleines Notizbüchlein. Das Glück des Moments mag manchmal an ihm vorbeigehen, aber die Hoffnung auf das künftige Glück will er bewahren. Er macht sich wieder auf und geht nachdenklich nach Hause.


Text: Andi Herrmann / 1. Dezember 2013