Kreativität kennt keine Grenzen...  
 

Die Geburt der Zeit

Es war diese kleine unscheinbare Quelle in dem die Zeit ihren Ursprung nahm. Scheinbar ziellos sprudelte sie heraus und suchte sich Wege. Zunächst war sie nicht erkennbar. Eigentlich völlig unsichtbar irrte sie über kleine Steinchen, durch die Erde und über die Wiesen, widerstand den physikalischen Gesetzen und sammelte sich in Form eines kleinen Bachs in einem Wald von allerlei Nadelbäumen. Der Bach führte kristallklares Wasser, so dass die durch die Wipfel scheinenden Sonnenstrahlen wie aufgeregt darauf hin und her tanzten. Die Zeit ruhte sich etwas aus und überdauerte ein paar Jahreswechsel. Sie beobachtete, wie sich das Leben am Bach ausbreitete, wie sich Sommer und Winter abwechselnd die Hand des Frühlings und des Herbstes reichten und wie der Bach ab und an gefüllt von silbernen Regentropfen über die Ufer trat und sich zu einem Fluss entwickelte. Auch der Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne blieb ihr nicht verborgen. Sie irrte weiter den Bergen entgegen und schwang sich hoch hinauf auf die Gipfel, die mit den zartesten  Schneeflocken bestreut wurden und so grell im Licht der Mittagssonne schienen, dass alles andere drumherum vor Neid erblasste. Die Zeit schwang sich hinauf zu den Wolken, die sich wie Wollknäule auseinanderfledderten um sich miteinander neu zu verstricken, zu neuen nie dagewesenen Formen. Die Zeit ließ sich tief hinab fallen. Hinein in das Wasser der Meere, hinab bis auf den tiefsten Grund. Sie beobachtete die Strömungen, Fische begleiteten ihren Tiefgang. In all dem verwob sich die Zeit mit der Umgebung, durchdrang es, wurde selbst zu dem, was sie gesehen hatte. Sie bildete ein Netz, dass alles umspannte und bewegte sich dennoch permanent strömungsgleich, blieb nie an einer Stelle und war doch immer überall. Sie wurde zu einem untrennbarem Teil von allem und beobachtete weiter.

Text: Andi Herrmann / 20. November 2013