Kreativität kennt keine Grenzen...  
 

Der Gedankensturm

„Versager!“ hämmerte es in Salven eines Maschinengewehrs durch seinen Kopf. Die Kugeln zerfetzten die Nervenbahnen, legten das ohnehin schon zusammenbrechende Gedankensystem frei. Blanker Wahn trat hervor, verhöhnte ihn, machte ihn zu einer Karikatur seiner selbst. „Alles sinnlos!“ stotterte es wie ein Presslufthammer im Offbeat einstimmend. Fiese Gedanken woben sich mit ein, ätzten sich durch sein zentrales Nervensystem. Den Höhepunkt bildete ein triolisches Artefakt seiner Kindheit: „Nichts führst du zu Ende! Du schaffst aber auch gar nichts!“. „Nichtsnutz! Tunichtgut!“ pfiff es wie eine Trillerpfeife durch die Hirnwindungen. „Am Ende geht alles schief.“ kam der resignierende Gedanke auf. War es sein eigener? Ende? Hier war weit und breit kein Ende in Sicht. „Durchhalten!“ bäumte sich ein letzter eigener Gedanke in ihm auf. Zu ihm gesellte sich ein „Du schaffst das !“. Er hatte keine Ahnung, wo dieser Gedanke herkam. Irgendwer wird das mal gesagt haben. Er wusste nicht mehr, welche Gedanken richtig oder falsch, seine eigenen oder fremde waren. Bittere Kälte kroch durch ihn hindurch, lähmte ihn.

Und wenn er sich jetzt einfach fallen ließ? Vielleicht würden die Gedanken dann wärmer werden. Hektisch schaute er nach draußen. Die Welt schien friedlich in die Sonne eingehüllt zu sein.

Vor seinem inneren Auge zogen Wolken auf und ein Sturm zog in ihm auf. „Wer bist du denn schon?“ klöppelte es zusätzlich im Takt mit ein. Wie ein Tsunami überrollte ihn die Sinnlosigkeit seines Seins. Was hatte er denn schon? Wer war denn überhaupt? Wer sollte denn einen Nutzen ziehen? Was hatte er überhaupt erreicht? Weder Ruhm noch Reichtum waren ihm vergönnt. Alles, was er versuchte aufzubauen, zerrann unter seinen Händen wie der lose Sand in einer Sanduhr. Er konnte nur sich selbst geben. Er erinnerte sich daran, dass er mal bei sich war, in sich ruhend. Und jetzt? Alles aufgewühlt. Alles woran er sich festhielt wurde von hier auf jetzt erschüttert. Es brach zusammen wie ein Kartenhaus. „Das sind alles nur Luftschlösser!“ dribbelte es auf den Aschenbahnen in seinem Stadion, das mal sein Gehirn war. Es war eine ganze Basketballmannschaft, die da durchmarschierte. Immer schneller immer lauter. Er versuchte die Ohren zuzuhalten, doch er konnte die Worte nicht raushalten. Sie rasten in ihm hin und her, vor und zurück, aufwärts und abwärts. Keine Ruhepause gönnten sie ihm. Nichts war mehr greifbar, alles nur surreal wie ein Werk Dalis in dreidimensionaler Brillenansicht. Seine Hände gingen einfach nur hindurch, ohne einen Halt zu finden. Er suchte fieberhaft nach etwas, worauf er sich stützen konnte. Irgendeine gute Erinnerung, ein guter Gedanke. Wo waren sie denn hin? Sie schienen sich vor ihm zu verstecken oder in Luft aufzulösen, sobald er auch nur etwas meinte gefunden zu haben. Er versank im Sumpf des Gedankenwusts. Er verlor den lebenserhaltenden Atem und versank im Meer der Hoffnungslosigkeit.

Seine Seele floh in das einzig ihr bekannte Schlupfloch. Sie entschwand in die Traumwelt. Hier war alles viel intensiver, noch schneller. Grell wirkte die träumerische Sicherheit. War hier das Gute verblieben? Konnte er hier finden, wonach er so verzweifelt suchte? Das Hämmern wurde schwächer. Er besann sich auf sein Leben. Er versuchte den erstbesten Gedanken zu greifen. „Du bist einzigartig.“ War das jetzt gut? Was bedeutet das? Konnte das wirklich positiv sein? Unsicher erforschte er den Gedanken, der ihn vor dem völligen Durchdrehen bewahrte.

Einzigartig. Der Einzige mit dieser Art. Niemand sonst ist so. Das war abgrenzend. Sogar ein Hauch von Abwertung allem anderen gegenüber. Eine einzelne in sich bestehende Einheit. Eine Einheit, die nicht verändert werden konnte. War das positiv? War das richtig? Welche Folgen hat das für das ihn umgebende Universum? Machte das einen Unterschied? Einen erstrebenswerten Unterschied? Er suchte nach weiteren Gedanken, die ihn prägten, die er als gut kennen gelernt hatte. „Nur aus Fehlern kannst du lernen.“ Dieser Gedanke fühlte sich gut an. Wenn er Fehler machen durfte, war es doch egal, was er tat. Doch halt! Er sollte aus ihnen lernen? Lernen bedeutet Veränderung. Veränderung wirkt doch aber gegen die Einzigartigkeit. Oder verstand er das falsch? Ein neuer Gedanke gewann Gestalt. Auch Veränderung macht Einzigartigkeit aus. Einzigartigkeit war variabel. Sie durfte mutieren. Sie musste sogar mutieren, um überleben zu können. Veränderung war etwas Gutes. Lernen war gut. Er konnte also Fehler machen, um zu lernen. Das Hämmern verschwand. Die Seele wirkte von innen nach außen.

Er suchte weiter nach Gedanken, die ihm aufhalfen. Er fand eine Erinnerung. Eine Erinnerung, die für ihn existentiell war und die er aus den Augen verloren hatte. Ein längst vergessener Satz, den seine Mutter ihm einmal mitgegeben hatte. „Ich wollte dich haben.“ Der erste Mensch, den er wahrgenommen hatte wollte ihn, als er noch keine Gelegenheit hatte, darüber nachzudenken, wie er werden würde. Dieser brachte den Chor der Verachtung zum Erliegen. Seine eigenen Gedanken durchströmten ihn. Erinnerungen, Träume und Pläne standen da wie eh und je. Wie konnte er nur das Gute vergessen? Er gelobte sich selbst, künftig wieder besser auf seine Gedankenschätze aufzupassen. Er schaute nach draußen. Es tobte ein Unwetter. Hagelkörner durchfluteten die Straße. Die Bäume bogen sich bedrohlich im wütenden Sturm. Eine schwarzgraue Wolkendecke versperrte den Blick auf das Sternenzelt. Er zuckte mit den Achseln und ein Gedanke machte sich breit:

„Das stehen wir auch durch.“


Andi Herrmann / 22. April 2014